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Kein wahrer Schotte

Unfaire Diskussionsweise, bei der ein Argument gegen Gegenbeispiele immunisiert wird, indem der Begriff ad hoc auf widersinnige Weise eingeschränkt (bzw. umdefiniert) wird, um Gegenbeispiele auszuschließen.

Beispiel:

A: Kein Schotte würde Haggis verschmähen.
B: Angus ist Schotte und er mag kein Haggis.
A: Kein wahrer Schotte würde Haggis verschmähen!
(und folglich ist Angus kein wahrer Schotte)

Dabei ist völlig unklar wie sich ein „wahrer Schotte“ von einem einfachen Schotten unterscheidet – außer eben, dass er gerne Haggis isst. Das lässt sich dann wie folgt ausdrücken:

Kein Schotte, der Haggis liebt, wird Haggis verschmähen.

Damit ist die Aussage völlig inhaltsleer – abgesehen davon, dass Schotten, die kein Haggis mögen, sich nun beleidigt fühlen könnten.

Namensherkunft

Der deutsche Name „kein wahrer Schotte“ ist eine direkte Übersetzung des englischen Ausdruckes „no true Scotsman“, der auf ein Beispiel zurückzuführen ist, das der britische Philosoph Antony Flew benutzte, als er diese Form eines Scheinargumentes zuerst beschrieb.

Selten findet man auch den Ausdruck „appeal to purity“, der den gleichen Sachverhalt, aber etwas enger, allein für eine positive Attribuierung, beschreibt. Außerdem ist es schwieriger, hierfür eine gute Übersetzung zu finden.

Beschreibung

Typisch für diese unfaire Verhaltensweise ist es, einen Kernbegriff der Diskussion ad hoc so weit zu ver­engen, dass er gegen Gegenbeispiele immunisiert wird. Wie der Name schon andeutet, geschieht dies häufig durch Anwendung eines emotional aufgeladenen, aber undeutlich definierten Attributes (im Beispiel oben „wahr“, aber auch andere Bezeichnungen sind möglich).

Im besten Fall handelt es sich damit um eine Form von Umdefinierung, da hier die Bedeutung eines Begriffes einseitig so verändert wird, dass er die eigene Postition (besser) unterstützt. Wird dies darüber hinaus eingesetzt, um den Diskussionsgegner persönlich anzugreifen, kann es eine Form von ad-hominem-Angriff sein, wie etwa im folgenden Fall (in der rhetorischen Form eines Enthymem):

Kein wahrer Schotte würde gegen den von mir vorgelegten Gesetzentwurf stimmen!
(und daraus folgt, dass mein politischer Gegner kein „wahrer Schotte“ ist).

Leider ist diese Form der Diskreditierung ziemlich verbreitet – nicht nur in der Politik und nicht nur in Schottland.

Tautologie

Aus einer anderen Perspektive kann man die „kein wahrer Schotte“-Argumentationsweise auch als eine Form von tautologischer Argumentationsweise ansehen: Der Begriff wird so definiert, dass er unter keinen Umständen mehr widerlegt werden kann.

Gerechtfertigte Anwendung

Es kann sinnvoll sein, einen Begriff schärfer zu definieren, wenn er zunächst zu weit gefasst oder missverstanden wurde. Etwa in dem folgenden Beispiel:

A: Möchtest du auch ein Steak?
B: Nein danke, ich bin Vegetarier und esse kein Fleisch.
A: Und wie wäre es mit Fisch? C ist doch auch Vegetarier und isst gerne Fisch.
B: Ein echter Vegetarier isst auch keinen Fisch!

Anscheinend haben B und C unterschiedliche Auffassungen darüber, ob es der Definition des Begriffes „Vegetarier“ entspricht, zwar kein Fleisch aber Fisch zu essen. Da A mit diesen Feinheiten nicht vertraut zu sein scheint, ist es sinnvoll, die eigene Position zu solchen Fragen klar zu stellen.

Hierbei ist aber wichtig, dass der Begriff dabei nicht widersinnig umdefiniert wird. Ein „echter“ Vegetarier, der z.B. keinen Salat isst, wäre nicht mehr von irgend einer Definition des Begriffes abgedeckt.

Beispiele

Religion

Erstaunlich häufig hört man die folgende Umdefinierung der eigenen Gruppe im Zusammenhang mit Religion:

A: Das Christentum ist Frieden, Jesus sagt: liebe deinen Nächsten!
B: Es gäbe allerdings ziemlich viele Beispiele von Krieg und Gewalt im Namen des Christentums.
A: Wer sich so verhält ist eben kein wahrer Christ!

Je nach eigenem Standpunkt darf man gerne „Christentum“ durch „Islam“, „Buddhismus“ oder jede beliebige andere Religion oder Weltanschauung ersetzen, diese Argumentationsform wird leider universell verwendet.

Wenn diese Argumentation nun dazu führt, dass anstatt über friedliches Zusammenleben nun darüber diskutiert wird, ob etwa ein Tomás de Torquemada oder Francisco Pizarro wirklich „wahre“ Christen waren, handelt es sich bei dieser Replik um ein Ablenkungsmanöver.

Eine andere Interpretation wäre, dass A in dem obigen Dialog den Begriff „Christ“ ad hoc um­defi­niert von „jemand, der sich zu Jesus Christus bekennt“ zu einer widersinnig eingeschränkten De­fi­ni­tion, die den Begriff nicht mehr sinnvoll abbildet.

Politik

Dagegen scheint dieser rhetorische Kniff in der Politik eher als ad-hominem-Angriff daher zu kommen, wie in den folgenden Beispielen:

Ein wahrer Patriot würde dem Gesetzesvorschlag zustimmen!
Wenn die Opposition wirklich an den Interessen der Bürger interessiert wäre, würde sie uns unterstützen.

Wenn nicht klar geklärt ist, wie sich ein „wahrer“ Patriot von einem einfachen eben­solchen unter­scheidet, oder wie ein Politiker, der sich für die Interessen der Bürger einsetzt, etwas anderes ist als einer, der dies „wirklich“ tut, ist dies eine zumindest frag­würdige Vor­gehens­weise (siehe hierzu auch Motivunterstellung).

Eine besonders perfide Variante des „wahren Schotten“ versteckt sich in ein­schränk­enden Be­zeich­nungen wie „Biodeutsche“ oder „ethnische Deutsche“, welche von Politikern – v.a. aus dem äuß­ers­ten rechten Spektrum – benutzt werden, um Staatsbürger in solche zu unterteilen, die sie als „wahre Deutsche“ ansehen und solche, die sie nicht als solche anerkennen wollen.

Das Unterscheidungsmerkmal ist dabei natürlich äußerst subjektiv und bedeutet im Zweifels­fall ein­fach: alle, die mit der jeweiligen Meinung des Vor­tragenden über­ein­stimmen, gehören dazu, alle anderen sind nach deren Ansicht keine „wahren“/„ethnischen“/„Bio-“ Deutschen. Letztlich dürfte es mehr darum gehen, (mögliche) Kritiker und alle, die anderer Meinung sind, auszugrenzen.

Siehe auch

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