Dogmatischer Kohärentismus
Ein häufig zu beobachtender Fehler bei induktiven Schlüssen (Induktionsfehler), der darin besteht, dass Kohärenz mit einem Aussagensystem bzw. Weltbild überbewertet wird und Einschränkungen dieser Vorgehensweise nicht genügend beachtet werden.
Mit anderen Worten, es wird „es passt in das System“ (Kohärenz ) anstelle von „es stimmt mit der Realität überein“ (Korrespondenz ) als Wahrheitskriterium verwendet, in einer Situation, in der letzteres eigentlich das relevante Kriterium wäre.
Dabei kann eine Kohärenz mit einem Aussagensystem ein sehr sinnvolles und hilfreiches Werkzeug bei der Suche nach Korrespondenz mit der Realität sein. Sie ersetzt aber keine empirische Forschung und muss auch stets empirisch validiert werden.
Beispiel:
Im 17. Jahrhundert hat der irische Theologe James Ussher aufgrund von genealogischen Angaben im Alten Testament, sowie aufgrund von verschiedenen theologischen Überlegungen bestimmt, dass die Welt am erschaffen worden sein müsse.
Dieses Datum ist zwar kohärent mit den Angaben in der Bibel (wenn auch mit Einschränkungen), sowie mit dem religiösen Weltbild seiner Zeit, ignoriert aber die Notwendigkeit einer Korrespondenz mit der Realität – auch zu Usshers Zeiten waren bereits Indizien für ein deutlich älteres Weltalter bekannt. Diese „passten“ aber nicht in sein Weltbild und wurden daher ignoriert.
„Dogmatisch“ wird ein solcher Ansatz, wenn man die Unzulänglichkeiten eines überwiegend kohärenzbasierten Ansatzes ignoriert, insbesondere wenn Hinweise auf epistemologisch gewichtigere Daten eine Revision der Position eigentlich notwendig machen würden.
Andere Namen
- Dogmatic coherentism
Beschreibung
Die eigentliche Macht von Aussagensystemen wie denen der Mathematik und Logik besteht darin, dass man durch kohärente Schlüsse zu neuen wahren Aussagen kommen kann.
Selbst in sehr eng mit z.B. der Mathematik verbundenen Disziplinen, etwa der Physik, ist man sich aber auch der dessen bewusst, dass sich alleine aus einer solchen Kohärenz mit der Mathematik noch keine Erkenntnisse über die Realität ergeben1). Stattdessen ist diese nur ein erster Schritt, dem dann weitere Verifikationen – etwa durch gezielte Experimente – folgen müssen, welche diese bestätigen. Dies ist zweifellos schon schwierig, wenn es um bestimmte Konzepte der Physik geht (wie will man etwa Multiversen empirisch beweisen?), es wird praktisch unmöglich, wenn man in Disziplinen agiert, in denen empirische Verifikation entweder unmöglich oder nicht erwünscht ist – und für die im Einleitungsbeispiel genannte Theologie ist sicher beides der Fall.
Im Beispiel oben wird nun aufgrund einer internen Kohärenz mit einem theologischen Aussagensystem ein Schluss gezogen, welcher eigentlich auf empirischer Forschung beruhen sollte. Man könnte James Ussher ja noch zugute halten, dass er wahrscheinlich keine oder unzureichende Kenntnis der Indizien hatte, die auch schon zu seiner Zeit darauf hinwiesen, dass seine Berechnungen nicht stimmen können – spätestens den modernen Anhängern des sogenannten „Junge-Erde-Kreationismus“ muss man aber eine Motivation durch religiösen Dogmatismus unterstellen, die Kohärenz mit ihrem Weltbild als höher einzuschätzen als ein Bezug zur Realität.
Astrologie
Wie sehr dieser Ansatz dazu führen kann, dass eine Disziplin den Bezug zur Realität verliert, kann man an der Geschichte von Astrologie und Astronomie gut ablesen: Man vergisst auf der heutigen Perspektive leicht, dass die Trennung dieser Disziplinen erst relativ spät in der Geschichte kam, nämlich etwa im 17. Jahrhundert. Sie geschah weitestgehend anhand der Frage, ob man Himmelsphänomene anhand von überlieferten Deutungssystemen (Kohärenz), oder aufgrund der Überprüfbarkeit gegenüber der Realität (Korrespondenz) interpretieren sollte.
Die heutige Astrologie ist damit auch eine Disziplin, in der ein Dogmatischer Kohärentismus vorherrscht. Ob sich Vorhersagen tatsächlich in der Realität erfüllen ist hierin also weit weniger wichtig, also die Frage, ob diese mit dem internen Glaubenssystem kohärent sind.
Homöopathie
Ähnliches gilt für die Homöopathie, eine pseudowissenschaftliche Heil- und Behandlungsmethode, die nachweisbar keine Heilwirkungen für sich verbuchen kann, die sich nicht auch mit dem Placeboeffekt erklärt werden kann. Auch hier wird eine Form von Dogmatismus vertreten, nachdem die Kohärenz mit dem internen Theoriegebäude wichtiger ist, als ein Abgleich mit der Realität.
Im Rahmen der Homöopathie hat sich hierfür auch der Euphemismus „Binnenkonsens“ etabliert, der genau diese Situation beschreibt.
Nun ist es ein leichtes, Pseudowissenschaften und religiöse Eiferer einer unredlichen Vorgehensweise zu beschuldigen. Leider gibt es auch in etablierten Disziplinen sowie im allgemeinen öffentlichen Diskurs genügend Beispiele, in denen so vorgegangen wird:
Freudsche Psychoanalyse
Verschiedene Formen von Psychoanalyse (insbesondere frühe Formen nach Freud oder Adler) wurden von verschiedenen Praktikern so ausgelegt, dass versucht wurde, jede Patientenerfahrung in ein starres Korsett des zugrunde liegenden theoretischen Systems zu zwängen, oft ohne Rücksicht darauf, ob dieses tatsächlich die Erfahrung ädequat beschreibt. Dies endete dann allzu oft in geradezu tragikomischen Erklärversuchen, wie die folgende, etwas klischehafte Überspitzung:
„Die irrationale Angst des Patienten vor Hunden muss als eine Folge des zerrütetten Verhältnisses mit dem Vater verstanden werden.“
Auch wenn sich die Psychoanalyse von solchen frühen Auswüchsen entfernt hat, ist die Tendenz, heißt das oft nur, dass sich das Theoriegebäude weiter entwickelt hat. Die Frage, inwieweit eine solche mit der Theorie kohärente Erklärung auch tatsächlich die Realität widerspiegelt sollte man aber weiterhin in jedem Fall stellen.
: Weitere Beispiele: Marxistische Theorie, Postmodernismus, etc.
Ausnahme
Ein kohärentistischer Ansatz ist korrekt, wenn die Fragestellung in der Tat einen solchen Ansatz verlangt. Die meisten mathematischen Fragen sind beispielsweise eher im Rahmen der Kohärenz mit dem System der Mathematik beantwortbar, weshalb es auch kein Fehler ist, wenn dies geschieht.
Dies gilt jedoch nicht mehr für die mögliche Anwendbarkeit mathematischer Ergebnisse, etwa in der Physik oder den Wirtschaftswissenschaften. In den meisten Fällen ist hier die Korrespondenz mit der Realität das entscheidende Kriterium.
Fazit
Ein Aussagensystem oder eine Weltanschauung mag zwar im Idealfall sehr gut darin sein, die Realität zu beschreiben – die Mathematik ist sicher ein gutes Beispiel hierfür – aber selbst in diesem Idealfall ist alleine eine Kohärenz mit diesem System nicht ausreichend, um induktive Schlüsse zu ziehen, welche auch die Realität widerspiegeln sollen.
Aber selbst ein in sich kohärentes System muss aber nicht unbedingt auch die Realität gut beschreiben (man denke an Astrologie oder Homöopathie) und hier muss man umso mehr aufpassen, dass man nicht den Kontakt zur Realität verliert.