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Hypostasierung

Ein Denk- bzw. Abstraktionsfehler, der darin besteht, abstrakte Konzepte wie konkrete Dinge oder gar als Agenten mit Absichten und Handlungsweisen zu behandeln.

Dies wird in Aussagen wie der folgenden deutlich:

Die Zentralbank hat den Leitzins erhöht, um den Markt zu beruhigen.

Der „Markt“ ist in dem hier gebrauchten Sinn ein abstraktes Konzept, welches das Zusammenspiel von vielen Handelnden beschreibt – als solches kann der Markt auch nicht „beruhigt“ werden. Im Gegensatz zu den auf dem Markt agierenden Personen.

Andere Namen

  • (Fallacy of) misplaced concreteness

Der Begriff „Hypostasierung“ ist eine Eindeutschung des altgriechischen hypóstasis [ὑπόστασις], was eigentlich „darunter stehen“ bedeutet. Das aus dem Lateinischen abgeleitete Wort „Substanz“ bedeutete jedoch ursprünglich dasselbe (und war wahrscheinlich zunächst einfach eine direkte Übertragung des griechischen Begriffes). Hypostasierung kann man also als „etwas Substanz geben“ verstehen.

Der alternative Begriff „Reifikation“ ist eigentlich die gebräuchlichere Bezeichnung für dieses Phänomen, er hat aber auch noch zahlreiche andere Bedeutungen, die nur bedingt mit dieser hier zusammen passen. Um Verwechslungen zu vermeiden wird hier stattdessen „Hypostasierung“ bevorzugt. Für mehr Informationen zu den verschiedenen Bedeutungen, siehe: Reifikation.

Beschreibung

Abstraktion

Abstraktionen können helfen, mit komplexen Konzepten auf eine einfache Weise umzugehen und sie im übertragenen Sinn „be-greifbar“ zu machen. Sie helfen dabei, in einer komplexen Realität Muster zu erkennen und Erkenntnisse zu verallgemeinern (Induktion).

Man benutzt Abstraktionen zum Beispiel, um bestimmte Eigenschaften unabhängig von den Objekten, welche sie besitzen zu betrachten – etwa: „Röte“ als Generalisierung der Eigenschaft „rot“ – oder man benutzt Oberbegriffe für Gruppen von Individuen – z.B. „Mensch“ als Gattungsbegriff für viele individuelle Menschen – oder man kann sogar hierarchische Strukturen von solchen abstrakten Gruppenbegriffen bilden – wie etwa „Säugetier“ als Superklasse von vielen anderen Gattungen, darunter Menschen, Hunde, Kühe und sogar Wale und Delfine (Superierung).

Denkfehler

Andererseits sollte man nie vergessen, dass es sich bei diesen abstrakten Begriffen um Vereinfachungen handelt, die etwas beschreiben, das nur im Denken existiert und keine direkte Entsprechung in der Realität hat.

Wenn also beispielsweise auf einer Landkarte Längen- und Breitengradlinien dargestellt sind, wird man kaum Erfolg haben, wenn man versucht, diese auch in der tatsächlichen Landschaft zu finden. Es handelt sich um reine Hilfslinien, die ein abstraktes Konzept darstellen, nämlich das der geographischen Koordinaten, welches zumindest in dieser Form in der realen Welt nicht existiert (siehe hierzu auch: Karte-Gebiet-Relation).

Aber ebenso ist der „Markt“, zumindest in dem Sinne wie er in dem Einführungsbeispiel gebraucht wurde, etwas Abstraktes, welches zwar durch bestimmte Dinge oder Orte „verkörpert“ wird (z.B. durch eine Wertpapierbörse, oder auch einen tatsächlichen Marktplatz), stellt aber selbst nur eine Abstraktion des Geschehens auf diesen Märkten dar.

Abgrenzung

Gerade das Beispiel mit dem Markt ist zwar sehr eingängig, zeigt aber auch, dass die Abgrenzung von Hypostasierungen gegenüber Metonymien einerseits, und der Vermenschlichungen andererseits nicht immer ganz einfach ist. In vielen Fällen kann dieselbe Aussage auf mehrere Weisen interpretiert werden:

Zum Beispiel:

  • Deutschland hat gewählt.“
  • „Das Kapital fließt dahin, wo Rendite ist.“
  • „Der Staat greift ein.“
  • „Die Wissenschaft sagt …“

In all diesen Fällen kann man die Aussagen sowohl so interpretieren, dass damit eigentlich die hinter den abstrakten Begriffen stehenden Akteure (Wähler, Investoren, Politiker, Wissenschaftler usw.) gemeint sind, als auch, dass diese Begriffe hier personifiziert werden – oder eben, dass hier eine Abstraktion zu einer Sache gemacht wird.

Offensichtlich wäre die Verwendung solcher Metonymien als rhetorische Umschreibungen komplexer Situationen noch kein „Denkfehler“. Zu einem solchen wird es erst, wenn dahinter eine wirkliche Verwechslung steht. Wenn also beispielsweise ein „Markt“ nicht nur eine Zusammenfassung vieler Marktteilnehmer ist, sondern quasi ein „Eigenleben“ erhält.

Beispiele

„Die Gesellschaft“

Die Gesellschaft ist schuld an XYZ.

Wohl jeder hat schon einmal solche vermeintlich „gesellschaftskritischen“ Aussagen gehört, die echte oder vermeintliche Missstände mit der Struktur und den Eigenheiten „der Gesellschaft“ erklären.

Allerdings bezieht sich auch der Begriff „Gesellschaft“ auf ein abstraktes Konzept, das als solches keine „Schuld“ tragen kann. Durch die „Verdinglichung“ (womöglich sogar „Vermenschlichung“) des Konzepts wird davon abgelenkt, dass es spezifische Akteure in der Gesellschaft gibt, die für Missstände verantwortlich sind, und die diese beheben können. Auch wenn dies als Metonymie gemeint gewesen sein kann – es wäre sinnvoller, diese Aktoren klar zu benennen.

Ähnliches gilt für viele andere konzeptuelle Begriffe, hier nur als ein Beispiel:

Das Patriarchat ist schuld daran, dass Frauen weniger verdienen als Männer.

Auch hier ist „das Patriarchat“ eine Abstraktion, die keine „Schuld“ tragen kann. Ganz im Gegensatz z.B. zu Arbeitgebern (oder – auch das kommt ja vor: Arbeitgeberinnen), welche weiblichen Angestellten weniger bezahlen als männlichen. Um diesen Missstand zu beheben, wäre es ein erster Schritt, die konkret Verantwortlichen beim Namen zu nennen.

Siehe auch

Weitere Informationen

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