Benutzer-Werkzeuge

Früher bekannt als Ad Hominem Info. Willkommen auf der neuen Site …

Ökologischer Fehlschluss

Beschreibt einen Fehlschluss, bei dem ein statistisches Merkmal einer Population unzu­lässig auf die Be­stand­teile dieser Popu­la­tion (z.B. auf die Indi­vi­duen) über­tragen wird.

Die Kriminalitätsrate in der Stadt X ist ver­hält­nis­mäßig hoch.
Person A kommt aus der Stadt X.
Also ist A kriminell.

Ein solcher Schluss ist natür­lich un­sinnig, da selbst in einer Stadt mit sehr hoher Krimi­na­li­täts­rate immer noch nur ein kleiner Teil der Be­völk­er­ung tat­sächlich krimi­nell ist – die Wahr­schein­lich­keit, dass eine be­lieb­ige Per­son tat­säch­lich in der Gruppe der Krimi­nellen ist, ist daher recht gering.

Während den meisten wohl die Ab­surdi­tät eines solchen Schlus­ses sofort ein­leuchtet, wenn er sich wie hier auf eine Stadt be­zieht, sind ver­gleich­bare Ver­all­ge­mein­er­ungen, die sich auf Eth­ni­zi­tät, Reli­gion oder Ab­stamm­ung be­ziehen, je­doch recht ver­breitet. Man denke nur an ver­breitete Vor­urteile über z.B. Roma, Mus­lime, Al­baner oder auch Sizil­ianer.

Andere Namen

  • Gruppen­fehlschluss
  • Ecological (infer­ence) fallacy
  • Popu­lation fallacy

Hinweis: Der Begriff „öko­log­isch“ hat in diesem Zu­sammen­hang nur in­direkt mit Umwelt­schutz zu tun, sondern ist vom alt­griech­ischen „oí­kos“ [οἶ­κος] ab­ge­leitet, was mit „Haus­halt“ oder hier spe­zi­fischer mit „zu­sammen­leb­ender Ge­mein­schaft“ über­setzt werden kann. Hier­von leiten sich auch andere Wörter mit „öko-“ ab, ein­schließ­lich „Öko­nomie“ oder eben auch unsere moderne Be­deut­ung von „Öko­logie“.

Beschreibung

Aus­sagen der Stat­istik sind – wenn man nicht ge­rade eine Prä­valenz von 100 % vor­findet – nicht ver­teilt. In diesem Fall bedeutet dass, dass man nicht ohne weiteres von der Gruppen­aus­sage auf die Indi­viduen oder Untergruppen schließen kann.

Man nehme etwa die folgende Aussage:

Bei der Land­tags­wahl im Saar­land 2022 haben 43,5 % der Wähler für die SPD gestimmt.

Zwar erlaubt es die Statistik, hier­aus andere Infor­ma­tionen ab­zu­leiten, als es zumindest nach der klas­sischen (Aussagen-)Logik möglich wäre, aber es ist immer noch keine Aus­sage über Indi­vi­duen mög­lich, außer mit welcher Wahr­schein­lich­keit ein zu­fällig aus­ge­wähltes Indi­vi­duum aus der Menge der Wähler für diese Partei ge­stimmt hat.

Mit anderen Worten: die sta­tis­tische Aus­sage be­zieht sich auf das „Öko­system“ der Wähler. Eine solche Aus­sage auf den ein­zelnen Wähler zu über­tragen, ist nicht zu­lässig. Da­her wäre ein Schluss wie der fol­gende auch ziem­lich offen­sicht­lich un­sinnig:

A kommt aus dem Saarland.
A hat folglich SPD gewählt.

Die Absurdität wird deutlicher, wenn man zusätzliche Informationen über A erhielte. Zum Beispiel, dass er oder sie CDU-Mitglied sei, oder sich im Umweltschutz engagiert, u.s.w.

Einordnung

Dieser Fehlschluss steht hier unter „Interpretationsfehler“ im Bereich Statistik, da dessen wesent­­liches Merk­­mal darin besteht, eine (korrekte) sta­tis­tische Aus­sage falsch zu inter­pret­ieren und daraus un­gült­ige Schlüsse zu ziehen.

Man kann dies auch als eine Form von unzulässiger Ver­all­gemein­er­ung ver­stehen, da hier aufgrund von un­zu­reich­en­den Infor­ma­tionen auf eine ver­all­ge­mein­ernde Aus­sage ge­schlossen wird.

In der Logik beschreibt der Trugschluss der Division einen sehr ähnlichen Sachverhalt, jedoch spe­zi­fisch auf eine Nicht­be­acht­ung des Phä­no­mens der Emer­genz be­zogen. Aller­dings könnte man ar­gu­men­tieren, dass die Maße der de­skript­iven Sta­tis­tik grund­sätz­lich als emer­gente Eigen­schaften von Grup­pen ver­standen werden sollten.

Und schließlich hat der öko­log­ische Fehl­schluss oft auch As­pekte eines Akzi­dens­fehlers, näm­lich dann, wenn nicht be­achtet wird, dass eine Regel oder Aus­sage, die im All­ge­meinen gilt, auch be­gründ­ete Aus­nahmen haben kann.

Beispiele

CO₂ Fußabdruck im Gütertransport

Der sog. „CO₂ Fuß­ab­druck“, also die Menge an Kohlen­stoff­dioxid, die beim Trans­port von einer Tonne Güter pro zu­rück­ge­legtem Kilo­meter er­zeugt wird, liegt beim mari­timen Trans­port (sprich: per Fracht­schiff) gleich um mehr­ere Größen­ord­nungen nied­riger als bei den meisten anderen Trans­port­methoden, ins­be­sondere Luft­fracht und LKW-Ver­kehr. Nur der Trans­port per Güter­zug liegt noch in einer ähnlich nied­rigen Region (aber immer noch deut­lich höher).

Daraus könnte man schließen, dass der See­trans­port immer den nied­rig­eren CO₂-Fuß­ab­druck hat. Tat­säch­lich hängt das natür­lich von zahl­reichen ver­schied­enen Faktoren ab: vor allem, ob der Schiff­fahrts­weg nicht viel­leicht länger ist, als der eines anderen Trans­port­mittels.

Zum Beispiel ist der Güter­trans­port von China nach Deutsch­land auf dem See­weg je nach Aus­gangs- und Ziel­ort rund doppelt bis drei­mal so lange wie auf dem Land­weg. Damit schlägt der Schiffs­trans­port (zu­mind­est in Sachen CO₂-Effi­zi­enz) immer noch den LKW, nicht aber in jedem Fall den Güter­zug auf dem Landweg.

Umgekehrt ist der Trans­port auf der Ost­see, etwa von Finn­land nach (Nord-)Deutsch­land auf dem Land (egal ob mit der Bahn oder auf der Straße) bei­nahe doppelt so weit wie der See­weg über die Ostsee. Hier lohnt sich als eher das Schiff.

Neben diesem gibt es noch zahlreiche weitere Faktoren zu beachten. In jedem Fall ist aber ein Schluss wie „Schiffs­trans­port ist [all­gemein] CO₂-effi­zi­enter, des­wegen ist dieser [spezifische] Schiffs­trans­port CO₂-effi­zi­enter.“ nicht so einfach zu treffen.

IQ-Unterschiede von Bevölkerungsgruppen

Eine ganze Reihe von Miss­ver­ständ­nissen be­trifft die Unter­schiede zwischen normal­ver­teilten Merk­malen. Als Bei­spiel soll dies hier anhand des so­ge­nannten „In­telli­genz­quo­tienten“ (IQ) auf­ge­führt werden:

Es werden immer wieder Ver­gleiche von IQs zwischen ver­schied­enen Be­völk­er­ungs­grup­pen (z.B. auf­ge­schlüs­selt nach Be­rufs­grup­pen, Her­kunfts­länd­ern, Par­tei­prä­fer­enzen, Me­di­en­kon­sum, u.s.w) ver­öf­fent­licht. Solche Ver­gleiche haben oft zu­mind­est ge­wisse As­pekte von Emo­tions­apel­len oder von Selbst­über­heb­ungen, wes­wegen sie auch gerne auf sozi­alen Medien weiter ver­breitet werden. Wer möchte schon nicht gerne glauben, dass eine Gruppe, der man sich selbst zu­ge­hörig fühlt, in­tel­li­genter sei als andere …

Dabei sind solche Ver­gleiche bei weitem nicht immer so harm­los wie etwa bei Berufs- oder Studien­fach­ver­gleichen. So werden Unter­such­ungen, nach denen die durch­schnitt­lich er­mit­telten IQs von afro-ameri­kan­ischen Be­völk­er­ungs­grup­pen in den USA nied­riger sind, als die der euro­päisch- oder asia­tisch-stämm­igen Be­völk­er­ung immer wieder als ver­meint­lich „wissen­schaft­liche“ Be­gründ­ung für rass­ist­ische Dis­kri­mi­nier­ung her­an­ge­zogen. Spätere Studien, welche diese Er­geb­nisse wider­legen, werden dabei gerne ignoriert.

Es würde zu weit führen, alle Probleme solcher Ver­gleiche hier auf­zu­zählen. Spezi­fisch für das Thema dieses Artik­els wäre ein Schluss von unter­schied­lichen Durch­schnitts­werten auf unter­schied­liche In­telli­genzen der Gruppen­mit­glieder je­doch ein sehr gutes Beispiel für einen öko­log­ischen Fehl­schluss. Kurz gesagt: auch in der „in­telli­gen­tes­ten“ Gruppe gibt es immer mehr oder weniger in­telli­gente Indi­viduen.

Da wir wissen, dass der IQ normal­ver­teilt ist, könnte man die Über­schneid­ung der Merk­mals­ver­teil­ungen in den beiden Gruppen im Prinzip sogar ge­nau be­rechnen. Der Auf­wand dafür lohnt sich aller­dings eher nicht, da die Werte auch noch ziem­lich un­ge­nau sind und eine Unter­scheid­ung meist ohne­hin nur mög­lich ist, wenn man diese mit einer irre­führ­enden Ge­nau­ig­keit nennt. In den meisten Fäl­len ist der Über­lapp­ungs­be­reich zwi­schen den beiden Popu­la­tionen jedoch sehr groß (siehe Abbildung oben), so­dass man mit den Werten kaum sinn­volle Be­rech­nungen an­stel­len kann.

Unter keinen Umständen kann man aus dem Durch­schnitts­wert aber Schlüsse auf den IQ von Indi­vi­duen ziehen. Noch weniger üb­rigens auf deren In­telli­genz, was nicht un­be­dingt das­selbe ist.

Siehe auch

Lernmaterialien

Weitere Informationen

Über diese Site

Denkfehler Online ist ein Projekt, die häufigsten Irr­tümer und Trug­schlüsse zu erklären und zu kate­gori­sieren. Dieser Artikel ist aus dem Bereich „Statistik“, welcher zu diesem Zeitpunkt noch im Aufbau ist. Der Artikel, oder der Aufbau dieses Seitenbereiches kann sich daher noch ändern und die Artikel können noch Fehler enthalten.
Für mehr In­for­ma­tionen, siehe die Haupt­kategorie Statistik.

Diese Web­site be­nutzt Cookies. Durch die Nutz­ung der Web­site er­klären Sie sich mit der Speich­er­ung von Cookies auf Ihrem Com­puter ein­ver­standen. Außer­dem be­stät­igen Sie, dass Sie unsere Daten­schutz­richt­linie ge­lesen und ver­standen haben. Wenn Sie damit nicht ein­ver­standen sind, ver­lassen Sie bitte die Web­site.

Weitere Information