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Verdinglichung (von Menschen)

Ein Denk- bzw. Abstraktionsfehler, der darin besteht, Menschen als Objekte zu betrachten (und als solche zu behandeln).

Als Beispiel hier einmal eine Form von Business-Sprech wie sie sicher viele schon einmal gehört oder gelesen haben:

„Die vorhandenen Ressourcen sollten besser ausgenutzt werden, um die Arbeiten effektiv auszuführen.”

Was hier als „Ressourcen“ verdinglicht wird, sind Menschen. Man sollte sie auch als solche bezeichnen. In diesem Fall zum Beispiel als „Mitarbeiter“ oder „Kollegen“.

Man könnte solche Redensweise als „Management-Jargon“ abtun – und tatsächlich dürfte in den meisten Fällen auch nicht mehr dahinterstecken, als eine unreflektierte Übernahme der im professionellen Umfeld gebräuchlichen Terminologie. Eine solche Sprachwahl kann aber ebenso auch Symptom einer Denkweise sein, nach der man die Arbeiter und Angestellten nicht mehr als Menschen wahrnimmt, sondern vorrangig aufgrund ihrer Funktion, eben als „Ressourcen“, die je nach Bedarf eingestellt und entlassen, von einer Position auf eine andere verschoben werden können, usw., ohne auf mögliche Folgen auf der menschlichen Ebene Rücksicht nehmen zu müssen.

Zum Vergleich, dieselbe Aussage auf eine Weise, die zumindest nicht schon von vornherein den Eindruck macht, man sei für das Management nur nicht mehr als eine Sache:

„Wir wollen unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so einsetzen, dass ihre Fähigkeiten am besten zur Geltung kommen.”

Andere Namen

Im Rahmen dieser Website wird „Verdinglichung“ als Oberbegriff für verschiedene Situationen verwendet, in denen Menschen auf die eine oder andere Weise als „Dinge“ oder „Objekte“ verstanden oder behandelt werden. In verschiedenen anderen Kontexten werden auch die oben genannten Synonyme verwendet. Durch die Verwendung werden dann oft auch bestimmte spezifische Teilaspekte des Phänomens mit diesen Begriffen verbunden. Dies ist jedoch nicht sehr einheitlich, da sich jeder dieser Begriffe auch in einer anderen Bedeutung finden lässt.

Vergegenständlichung

In bestimmten Kontexten bezeichnet der Begriff „Vergegenständlichung“ eine spezifische Form der Verdinglichung. Dabei wird menschliche Arbeitskraft als notwendige Ressource für die Produktion von Konsumgütern verstanden.

Der Begriff bezieht sich dann spezifisch darauf, dass hierbei ein Gegenstand hergestellt wird, und dass die menschliche Tätigkeit auf ihren Beitrag zur Herstellung des Gegenstandes reduziert wird.1)

Objektifizierung

Auch „Objektifizierung“ kann als reines Synonym für „Verdinglichung“ verwendet werden. Der Begriff wird jedoch meist im Zusammenhang mit „sexueller Objektifizierung“ benutzt, um eine Reduzierung von Menschen auf ihren sexuellen Aspekt zu beschreiben.

Das eindrücklichste Beispiel hierfür ist natürlich die Darstellung vor allem von Frauen in der Pornografie. Das Klischee der stets willigen und verfügbaren Sexualpartnerin ist dort so stark verankert, dass es beinahe als Teil der Genredefinition betrachtet werden könnte. Aber auch in der Werbung, in der Mode- oder Musikindustrie ist eine objektifizierende Darstellung – vor allem von Frauen – an der Tagesordnung.

Hypostasierung / Reifikation

Der aus dem Lateinischen entlehnte Ausdruck „Reifikation“ beziehungsweise das aus dem Altgriechischen abgeleitete „Hypostasierung“ bedeuten beide so viel wie „etwas zu einem Ding machen“.

In manchen Publikationen werden diese Begriffe daher auch als Synonyme – oft sogar als die bevorzugten Ausdrücke – für genau das Phänomen verwendet, welches dieser Artikel hier als „Verdinglichung von Menschen” bezeichnet.

Aber ebenso wie „Verdinglichung“ auch ganz allgemein als „etwas zu einem Ding machen“ verstanden werden könnte (also nicht notwendigerweise auf Menschen bezogen), wird „Hypostasierung“ hier im Rahmen dieser Site in dem Sinn verwendet, dass damit das falsche Verständnis von abstrakten Konzepten als etwas Konkretes gemeint ist. Für mehr Informationen, siehe: Hypostasierung.

Der Begriff „Reifikation“ hat dagegen ein anderes Problem: Mit diesem Ausdruck werden auch noch zahlreiche zwar ähnliche, aber dennoch klar zu unterscheidende Phänomene beschrieben. Um Verwechslungen und Inkonsistenzen mit anderen Publikationen zu vermeiden, erhielt dieser Begriff „nur“ einen Übersichtsartikel im Glossar: Reifikation.

Entmenschlichung

Eine extreme Form davon, Menschen nicht mehr also solche zu betrachten, wird als „Entmenschlichung“ (auch: „Dehumanisierung“) bezeichnet: hierbei werden Menschen nicht mehr als solche anerkannt, sondern mit Begriffen bezeichnet oder so weit abstrahiert, dass ihnen Menschenrechte verweigert werden können.

Speziell in der politischen Propaganda werden immer wieder rhetorische oder grafische Mittel verwendet, um Gegner als „nicht menschlich“ darzustellen. Aber auch einzelne gesellschaftliche Gruppen (Obdachlose, Gefängnisinsassen, Farbige, Nichtsesshafte, Einwanderer, u.s.w) können solchen Dehumanisierungen ausgesetzt sein – und entsprechend unmenschlich behandelt werden.

Die Entmenschlichung kann sich auch in abstrakten Begriffen verstecken, mit denen menschliches Leben oder Leid versteckt wird. Der Begriff „Kollateralschaden“ für nicht gewollte, aber billigend in Kauf genommene, Opfer von Militäroperationen ist ein Beispiel hierfür.

Beschreibung

Abstraktion von Menschen

In modernen Gesellschaften gibt es viele Gründe, warum Menschen auf die eine oder andere Weise als Abstraktion betrachtet werden. Die besten Beispiele findet man in der Statistik, wo man Agglomerationsdaten von ganzen Populationen, etwa einem Land oder einer Stadt, betrachtet, um beispielsweise Durchschnittswerte zu vergleichen oder Entwicklungen über einen längeren Zeitraum zu verfolgen. Dabei werden individuelle Erfahrungen von Menschen zu einer abstrakten Zahl, hinter der die einzelnen Menschen verschwinden. Daran ist erst einmal auch nichts auszusetzen.

In bestimmten Situationen kann es ebenso sinnvoll sein, eine distanziertere Sicht auf Individuen zu haben. So sollte ein Notarzt oder Chirurg, insbesondere in lebensbedrohlichen Situationen, eine emotionale Distanz zum Patienten wahren, um klare und unemotionale Entscheidungen treffen zu können. Aus diesem Grund sollte ein Chirurg beispielsweise möglichst keine engen Familienmitglieder operieren, da es in diesen Fällen besonders schwerfallen wird, die emotionalen Aspekte auszublenden. Auch das ist noch kein Fehler.

Selbst wenn das Management einer größeren Organisation über abstrakte Aspekte der Personalsituation diskutiert, kann es sinnvoll sein, dies auf einer abstrakten Ebene zu tun, beispielsweise mit Bezug auf die Personalkosten oder ähnliche statistische Merkmale.

Es wird zu einem Problem, wenn diese Abstraktion nicht mehr rein funktional und auf eine bestimmte Situation beschränkt ist, sondern Menschen allein oder vorrangig auf bestimmte Funktionen oder Aspekte reduziert werden. Ein Beispiel hierfür ist, wenn Mitarbeiter allein auf ihre Funktion als Arbeitskraft reduziert werden, anstatt sie als Individuen mit unterschiedlichen Lebenssituationen, Fähigkeiten, Erfahrungen und Entwicklungsmöglichkeiten zu verstehen.

Hinweis: Es geht in dem obigen Beispiel ausdrücklich nicht darum, dass eine sprachlich ungeschickte Formulierung dann durch eine diplomatischere ersetzt werden sollte. Das Problem, dass es zu beachten gilt ist die Denkweise, die durch eine solche Sprache ausgedrückt wird und in der Personen wie Dinge bzw. Objekte verstanden werden.

Es wäre wenig gewonnen, wenn die Personalabteilung dieser Organisation nun dafür sorgt, dass die verdinglichenden Aussagen der Unternehmensleitung in eine „mitarbeiterfreundlichere“ Fassung übersetzt werden, die Personalpolitik aber weiterhin auf einer solchen Denkweise aufbaut. Damit wäre der Indikator beseitigt, das Problem bliebe aber bestehen (in diesem Zusammenhang auch interessant: Goodharts Gesetz).

Problematik

Offensichtlich gibt es eine moralische Dimension, die solche Verdinglichungen zumindest in bestimmten Fällen fragwürdig macht. Die meisten Menschen würden sicher nicht wollen, dass man sie mit Objekten gleichsetzt, und entsprechend sollte man dies auch nicht mit anderen tun.

Für den Themenbereich dieser Website sind die moralischen Aspekte jedoch weniger wichtig als die Tatsache, dass eine unangemessene Verdinglichung leicht zu einem nicht der Realität entsprechenden Denkmodell führen kann. In der Folge können aufgrund dieses unrealistischen Denkmodells dann Entscheidungen getroffen werden, die nicht zu den erhofften Ergebnissen führen.

Dies gilt schon beim verwandten Denkfehler, bei dem (abstrakte) Konzepte als (konkrete) Dinge (mis-)verstanden werden (hier im Artikel „Hypostasierung“ beschrieben). Anders als Abstrakta haben Menschen aber die Möglichkeit zu agieren und zu reagieren. Und wenn sie sich missverstanden oder sogar falsch behandelt fühlen, wird das mit Sicherheit eine Reaktion herausfordern.

Wenn zum Beispiel eine Unternehmensleitung die menschlichen Aspekte ihrer Personalpolitik allzu sehr vernachlässigt, wird sie sicher bald mit Problemen wie hoher Personalfluktuation, einer Disassoziation der Mitarbeitenden von der Organisation, einer höheren Streikbereitschaft und vielen anderen Problemen einer dysfunktionalen Organisation zu kämpfen haben.

Oder aber, wenn man mögliche Partnerinnen und Partner vor allem auf ihre Rolle als Sexualpartner reduziert, wird man sicher Schwierigkeiten haben, auf so einer Basis eine bedeutsame Beziehung aufzubauen – oder, wenn dies auch noch mit überhöhten Erwartungen an diese einher geht, überhaupt jemanden zu finden. Die moderne Incel-Bewegung zeigt nur allzu gut, wie die Projektion unterkomplexer Idealbilder auf mögliche Partnerschaften zu einer unglücklichen Lebenssituation führen kann.

Grundsätzlich können Abstraktionen zwar dabei helfen, einen Überblick über komplexe Phänomene zu behalten. Verliert man jedoch das Verständnis dafür, dass es sich um eine vereinfachende Sichtweise auf die Realität handelt, können sie auch ebenso in die Irre leiten. Das gilt insbesondere, wenn versucht wird, ein so komplexes Phänomen wie menschliche Wesen mit einer Abstraktion zu beschreiben, die sich, anders als Objekte, nicht passiv allem fügen, sondern aktiv agieren und reagieren können.

Umkehrung

Ironischerweise kann man denselben Fehler – eine unrealistische Sicht auf die Wirklichkeit zu haben – auch im umgekehrten Fall begehen. Wenn etwas Nichtmenschliches als Mensch oder als mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet verstanden wird, spricht man von „Anthropomorphisierung“ oder „Vermenschlichung“.

Siehe auch

Weitere Informationen

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Wenig überraschend kann man diesen Gebrauch vor allem im Rahmen der marxistischen Theorie finden.