Beschreibt das Fehlen anwendbarer Normen und Regeln oder eine Situation, in der bestehende Regeln widersprüchlich sind oder sich so häufig ändern, dass sie nicht mehr sinnvoll angewandt werden können.
Der Ausdruck leitet sich vom vom Altgriechischen anomía [ἀνομία] ab, was sich mit „Gesetzlosigkeit“ übersetzen lässt. Die Grundform nόmos [νόμος] kann sich allerdings sowohl auf Gesetze im heutigen Sinn beziehen, als auch ganz allgemein auf Regeln, Sitten und Gebräuche.
Der Begriff wurde ursprünglich in der Theologie verwendet, um eine Situation zu beschreiben, in der religiöse Gesetze nicht mehr angewendet werden oder nicht mehr anwendbar sind. Am Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich der Begriff dann auch in der Soziologie um die durch die Industrielle Revolution vorangetriebenen gesellschaftlichen Veränderungen zu beschreiben, bei der eine religiöse Ordnung zunehmend durch eine vermeintlich „regellose“ sekuläre Ordnung ersetzt wurde1).
Im Weiteren Sinne gehören hierzu aber auch viele andere Formen von Zwiespältigkeit von Sitten, Normen und Gesetzen. So etwa der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Normen (z.B. schulischer/beruflicher Erfolg, eheliche Treue oder Rechtschaffenheit) und der individuellen Fähigkeit (z.B. aufgrund von fehlendem Fleiß oder mangelnden Berufs-/Ausbildungschancen, Promiskuität, Not oder Opportunismus).
Erich Weede beschrieb in einem Seminar einmal die Tatsache, dass selbst er als Professor der Wirtschaftswissenschaften nicht mehr mit den letzten Entwicklungen in der Steuerpolitik und -rechtsprechung auf dem Laufenden bleiben kann und einen professionellen Berater für seine Steuererklärung benötigt, auch als eine Art von „Anomie“: Wenn sich die Regeln andauernd verändern, kann man auch nicht sicher sein, welche gerade anzuwenden sind.
In der Psychologie bezeichnet der Begriff „Anomia“ auf der individuellen Ebene die Erfahrung der Anomie, sich also in einer Situation zu befinden, in der die anzuwendenden Regeln unklar oder unbekannt sind. Eine Erfahrung, welche die meisten Menschen als unangenehm empfinden.
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